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Regenbogenfahne zieht ein

In der aktuellen Ö3-Jugendstudie geben 43% der befragten 16- bis 17-Jährigen an, dass „sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität frei leben zu können“ ok sei, aber man „nicht so viel Wirbel drum machen“ müsse. Schön und gut, dass es eine Regenbogenparade gibt, aber ist das heute noch relevant? Seit 2017 können gleichgeschlechtliche Menschen in Österreich heiraten, seit 2019 gibt es den Eintrag „divers“ als drittes Geschlecht… Können wir das ganze Tamtam jetzt bitte bleiben lassen?

Gleich mal vorweg: Ich identifiziere mich als hetero Cis-Frau. Was habe ich also zu dem Thema zu sagen? Stimmt schon, meine Sicht ist die einer Außenstehenden. Aber ich finde es nicht fair, die Aufklärungsarbeit immer den Betroffenen umzuhängen. Also erzähl‘ ich euch meine Geschichte. Oder eigentlich: die meiner Sis.

Meine Sis identifiziert sich als non-binär, sieht sich also nicht repräsentiert in der starren Einteilung von Mann/Frau. Ich verwende trotzdem das Pronomen „sie“, in der deutschen Sprache ist das ja nicht so leicht – und ich habe sie gefragt. Ich habe ihre Erlaubnis. Andere Leute sagen „er“. Das ist für meine Sis auch ok. Die Mischung machts.

Meine Sis ist fünf Jahre jünger als ich. Sie war und wird immer meine kleine Sis bleiben, auf die ich also „die Große“ ein Auge habe. Als Kind ist sie mir furchtbar auf die Nerven gegangen. Typisch junges Geschwisterchen, will immer das machen, was die Großen machen. Aber so mit 12 Jahren etwa wurde sie für mich als Gesprächspartner:in interessant. Wir haben uns von da weg eigentlich immer gut verstanden und ich habe toll gefunden, wie sie sich politisch interessiert und engagiert. Als sie 16 war, habe ich mein Auslandssemester in Rom gemacht. Eines Abends hat sie mir über Skype gestanden, dass sie sich zu Frauen hingezogen fühlt – unter Tränen. Mein Herz ist ganz schwer geworden, es hat sie offensichtlich stark belastet und geliebte Menschen sieht man nicht gern leiden. Das war für mich hart – in wen sie sich verliebt, war mir dabei ganz egal. Nach und nach hat sie sich bei Familie und Freund:innen geoutet. An ihrer Schule war sie die einzige geoutete Person. Das ist jetzt fast 15 Jahre her. Damals gab‘s quasi noch keine Serien, in denen queere Charaktere ganz selbstverständlich vorkommen. In den Medien gab es quasi keine Repräsentation und auch in meiner Familie war es nicht für alle einfach, damit umzugehen.

Jahre später hat sie dann gesagt, dass sie ihren Namen ändern will – auf eine geschlechtsneutrale Variante. Während ich das erste Coming-out (glaub ich) cool hingenommen habe, habe ich da nicht den Support gegeben, den sie vermutlich gebraucht hätte. Ich war vor den Kopf gestoßen. Lesbisch, das habe ich verstanden, aber dieses „non-binär“? Das habe ich nicht gekannt, das war mir fremd, meine Erstreaktion war Ablehnung. Ich habe das (hoffentlich) schnell weggesteckt. Am Ende hat sich für mich ja nichts geändert, sie ist immer noch genau der Mensch, der sie vorher war, nur mit anderem Namen und flexiblen Pronomen. Vor zwei Jahren hat sie geheiratet. Jetzt hat sie auch einen anderen Nachnamen. Das ist eigentlich mehr Umstellung (wir hatten ja vorher denselben!), aber da macht die Gesellschaft keinen Wirbel drum, das gehört ja schon immer dazu.

Viele Jugendliche denken sich offensichtlich, dass mit dem Recht zu heiraten eigentlich eh alles erreicht ist, danke, Regenbogenfahne brauchen wir nicht mehr. Es gibt allerdings noch genügend Bereiche, in denen es Handlungsbedarf gibt. Wir kämpfen im Deutschen ja schon allein mit den fehlenden Pronomen für nicht-binäre Personen! Es ist außerdem immer noch nicht möglich, dass eine Person einfach ihre Geschlechtseintragung ändert. Es gibt keinen rechtlichen Schutz vor Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung beim Zugang zu Gütern oder Dienstleistungen, ein:e Taxifahrer:in kann sich also weigern, ein queeres Pärchen mitzunehmen. Es gibt in Österreich immer noch keinen rechtlichen Schutz von intergeschlechtlichen Kindern – ihre Geschlechtsorgane können immer noch ohne ihre Zustimmung und ohne medizinische Notwendigkeit „angeglichen“ werden. Wir sehen in einigen Bundesländern der USA außerdem, dass Rechte auch wieder abgeschafft werden können. Und in vielen Ländern der Welt haben LGBTIA+-Personen keine.

20% der 16- bis 17-Jährigen der Ö3-Jugendstudie gaben an, dass sie gegen das freie Ausleben sexueller Identität und Orientierung seien – „ist unnatürlich und ein Hype“. Zwanzig Prozent! Das sind in einer durchschnittlichen Klasse unserer Schule fünf Personen. In einer Studie der FRA aus 2020 gaben 60% der Befragten aus Österreich an, dass sie oft oder ständig negative Kommentare oder negatives Verhalten beobachten, dass sich gegen Schüler:innen richtet, die als queer wahrgenommen werden.

Für mich ist daher ganz klar: Das Thema ist noch nicht gegessen. Natürlich hat sich in den letzten 20 Jahren viel getan, aber die Reise ist noch nicht zu Ende. Diskriminierung ist in keiner Form und aus keinem Grund zu dulden. Der Pride-Monat Juni soll uns ins Bewusstsein rufen, dass Menschen, Schüler:innen wie Lehrer:innen, aufgrund ihrer Geschlechtsidentität oder ihrer sexuellen Orientierung Diskriminierung erleben. Um diesen Menschen zu zeigen, dass wir das nicht in Ordnung finden und sie toll finden, so wie sie sind, hisst das Ella Lingens Gymnasium die Regenbogenfahne – dieses Jahr dank Leya Hampel und dem Verein FlagIncluded zum ersten Mal.

Happy Pride!
Sarah Langer

Regenbogen

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https://www.oe3jugendstudie.at/ergebnisse.php
https://fra.europa.eu/en/data-and-maps/2020/lgbti-survey-data-explorer
https://flagincluded.at/

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